Fehlgeburt aus ärztlicher Sicht

Interview mit Dr. Isabella Franke

 

Der Schwangerschaftstest ist positiv und die (Vor-)Freude groß. Dann der Schock: Die Schwangerschaft endet noch bevor das Baby das Licht der Welt erblicken konnte. 
Fehlgeburten sind keine Seltenheit und doch trifft sie Paare meistens unvorbereitet.
Dr. Isabella Franke, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, spricht in diesem 
Interview mit viel Feingefühl über das Thema Fehlgeburt, welche Möglichkeiten des 
Abgangs es gibt und wie sie als Ärztin Frauen durch solch ein schmerzhaftes Erlebnis 
begleitet.

Rosa Blau Gestreift: 
Für Frauen ist es eine furchtbare Situation, wenn Sie bei einer Kontrolluntersuchung 
plötzlich erfahren, dass der Herzschlag ihres Babys nicht mehr sichtbar ist. Für Sie ist es vermutlich auch nicht einfach, Frauen darüber zu informieren, dass etwas nicht in 
Ordnung ist. Was geht in Ihnen vor, wenn sie merken, dass da etwas nicht stimmt?

Dr. Isabella Franke: 
Wenn ich merke, dass etwas mit der Schwangerschaft nicht stimmt, mache ich eine dreifache 
Kontrolle, indem ich die Ultraschallbilder mehrfach durchfächere. Während der Untersuchung selbst bleibe ich konzentriert, sachlich fokussiert und mache mir zuerst ein Gesamtbild. Erst wenn für mich die Diagnose sicher ist, dass tatsächlich etwas nicht in Ordnung ist, teile ich dies der 
Patientin mit. Die Momente, in denen ich feststelle, dass eine Schwangerschaft nicht mehr intakt ist, sind aber auch für mich als Ärztin immer wieder sehr ergreifend.

Wann spricht man eigentlich von einer Fehlgeburt? Was bedeutet das genau?

Von einer Fehlgeburt, auch Abort genannt, spricht man bei einem verfrühten Ende einer 
Schwangerschaft. Der Fötus wiegt weniger als 500 Gramm und ist außerhalb der Gebärmutter noch nicht selbst lebensfähig. Das betrifft alle Schwangerschaften vor der 24. Schwangerschaftswoche. Die meisten Fehlgeburten passieren - oft sogar unbemerkt - innerhalb der ersten zwölf 
Schwangerschaftswochen (Frühabort). Gründe sind unter anderem schwerwiegende 
Chromosomenveränderungen und anatomische Fehlbildungen, Alter, Infektionen, Gerinnungs-
störungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Stress oder andere Faktoren wie z.B. Umweltgifte. Oft ist es aber auch so, dass bereits eine intakte Schwangerschaft festgestellt wurde, welche sich dann nicht korrekt weiterentwickelt oder durch eine vaginale Blutung abgestoßen wird oder auch das Herz des Embryos einfach aufhört zu schlagen.
In den meisten Fällen freuen sich Frauen bereits auf ihr Baby. Wenn Sie Frauen nun die schmerzhafte Nachricht überbringen müssen, dass kein Herzschlag mehr zu sehen ist, bedarf das einiges an Feingefühl. Wie finden Sie die richtigen Worte?

Ich versuche immer emphatisch zu sein und zu eruieren, wie es der Patientin gerade damit geht, versuche Sie genau dort abzuholen, wo sie gerade steht. Das ist erstaunlicherweise immer sehr 
unterschiedlich. Manche Frauen stehen primär unter Schock, andere weinen, manche glauben es im ersten Moment nicht, andere stellen sofort sehr viele Fragen und wiederum andere wollen gar nicht allzu viel darüber wissen. Es ist sehr unterschiedlich, und ich versuche einfach, der Frau auf 
Augenhöhe soviel mitzugeben, wie Sie braucht und bereit ist, in diesem Moment mitzunehmen. Wenn ich den Eindruck habe, dass die Frau damit überfordert ist, biete ich auch ein Telefongespräch zu einem späteren Zeitpunkt an, da manche Fragen auch erst nach ein paar Stunden aufkommen.

Neben der Nachricht, dass das Baby nicht mehr lebt, klären Sie als Gynäkologin auch darüber auf, was nun die nächsten Schritte sind. Über was müssen Sie Frauen hier informieren?

In manchen Situationen macht man zuerst noch Blutabnahmen, um das Schwangerschaftshormon im Verlauf zu kontrollieren und damit die Diagnose zu sichern. Manchmal ist es aber so klar, dass ich die Frau direkt ins Krankenhaus schicke, wo die weiteren Schritte vorgenommen werden. Dort erfolgt eine weitere Untersuchung nach dem 4-Augenprinzip, damit nichts übersehen werden kann. Dann, je nach Schwangerschaftswoche, wird eine medikamentöse Einleitung einer Blutung oder auch eine Kürettage, also eine Ausschabung der Gebärmutter in die Wege geleitet. Diese 
Entscheidung wird auch immer mit der Ärztin oder dem Arzt im Krankenhaus getroffen, der oder die die Verantwortung dafür übernehmen muss, und nicht zuletzt mit der Patientin gemeinsam 
besprochen.

Welche Möglichkeiten hat eine Frau, damit das Baby ‚abgehen‘ kann?

Wenn bereits eine Blutung begonnen hat, kann man - in Zusammenschau der übrigen Anamnese und Befunde - auch mal abwarten, ob die Natur die Schwangerschaft von sich aus abstößt und 
engmaschig Nachkontrollen mit Ultraschall und Blutuntersuchungen machen.

Ansonsten werden Tabletten verschrieben und/oder eine Ausschabung der Gebärmutter in Vollnarkose gemacht.

Was sind die jeweiligen Vor- und Nachteile?

Wenn man abwartet, bis die Schwangerschaft von selbst abblutet, kann das schon ein paar Tage bis Wochen dauern, was oft emotional sehr schwierig ist. Die Frauen empfinden Angst und 
Unsicherheit und außerdem besteht eine gewisse Gefahr eines größeren Blutverlustes bzw. herrscht auch eine gewisse Infektionsgefahr. Das darf man auf gar keinen Fall übersehen. Es bedarf strengen Kontrollen und einer guten Compliance der Patientin selbst, ist aber grundlegend schonender als eine operative Ausschabung.

Bei der medikamentösen Abbruchsinduktion werden Tabletten geschluckt, die eine Blutung und eine Abstoßung des Gewebes induzieren. Das passiert oft relativ schnell, innerhalb von 1-2 Tagen. Die Methode ist sicher und empfehlenswert, sofern von der Schwangerschaftswoche möglich. Ich empfehle immer, in diesen schwierigen Stunden nicht allein zu sein, da man zu Hause ist und auch eventuelle menstruationsartige Bauchkrämpfe erleiden muss. Abgesehen davon ist es emotional kein leichter Augenblick und man sollte einen nahen Menschen zur Unterstützung bei sich haben. Es müssen auf jeden Fall Nachkontrollen stattfinden, um sicherzugehen, dass die Gebärmutter das Gewebe restlos ausgestoßen hat.

Bei einer Saugkürettage wird in Vollnarkose das Gewebe entfernt. Vorteil dieser Option ist, dass es schnell „erledigt“ ist, wenn man das so sagen möchte. Großer Nachteil ist natürlich die Vollnarkose und ein operativer Eingriff an der Gebärmutter. Man sollte unbedingt vermeiden, mehrere 
Kürettagen durchführen zu lassen, da dadurch narbiges Gewebe innerhalb der Gebärmutter 
entstehen kann. Ebenso können Verklebungen im weitesten Sinne für nachfolgende Schwangerschaften zum Problem werden bis hin zum Ernstfall, nämlich der Unfähigkeit überhaupt noch schwanger zu werden.

Worauf kommt es Ihrer Ansicht nach bei der Entscheidung drauf an?

Bei der Entscheidung ist vor allem das Schwangerschaftsalter wesentlich. Vor dem 49. Tag der 
Schwangerschaft kann und soll eine medikamentöse Therapie versucht werden, da die Erfolgsrate 
vielversprechend ist.
Weiters gibt es Vorerkrankungen (z.B. Gerinnungsstörungen), die dann eher für oder klar gegen eine Methode sprechen. Das muss man immer im Einzelfall entscheiden.

Aus Ihrer Sicht, was ist denn im ersten Schockmoment wichtig?

Neben der ärztlichen auch eine psychologische Rolle einnehmen. Das heißt, sich für die 
Untersuchung und die Patientin Zeit nehmen, um wirklich alle Fragen und Anliegen zu 
beantworten. Dafür braucht es eine absolut ungestörte Atmosphäre und Empathie.

Gibt es noch etwas, das Sie Frauen mitgeben möchten, die eine Fehlgeburt erleben mussten?

Ja, auf jeden Fall: nach vorne schauen! Den Schmerz schon zulassen und versuchen, ihn so gut wie möglich zu verarbeiten. Aber nicht dort verharren, sondern optimistisch bleiben, was die Zukunft angeht, was weitere Schwangerschaften angeht.

Liebe Frau Dr. Franke, vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

Dr. Isabella Franke ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Ernährungsmedizinerin und Wahlärztin in Wien.

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